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Freitag, 24. Mai 2002
   

Bücher einfach abschaffen

Ausweg aus der Krise? Über das Internet wollen Mathematiker die Bibliothek überflüssig machen

Ralf Grötker

Als erstes akademisches Fach präsentiert sich die Mathematik weltweit auf einer gemeinsamen Internet-Plattform. Die International Mathematical Union (IMU) hat kürzlich ihre offizielle Empfehlung und somit den Startschuss für das Netz "www.math-net.org" gegeben.

Hier werden nicht nur die Institute und Forscher übersichtlich präsentiert, sondern auch ihre Veröffentlichungen vor dem Druck zugänglich. Der Clou: Die Titel bleiben auch nach ihrem Erscheinen in der Liste präsent - und können dann über den Verfasser oder das Institut bezogen werden. Ohnehin publizieren viele mathematische "Journals" ihre Artikel gleichzeitig in Druckform und online - kostenlos.

Was die Mathematiker-Union vormacht, könnte ein Schritt sein zur weit reichenden Umgestaltung des krisengeplagten Systems "Bibliothek". Seit Jahren beklagen Bibliotheken die Preispolitik der Verlage und die steigenden Kosten der Abonnements. In anderen Fächern als der Mathematik, wo eben, wie der im Math-Net engagierte Martin Grötschel vom Berliner Konrad-Zuse-Zentrum meint, "die Kultur anders ist", liefern sich die Verlage und wissenschaftlichen Vereinigungen daher bittere Kämpfe. In den Fachverbänden und Bibliotheken wird überlegt, wie man im Internet quasi an den Verlagen vorbei publizieren könnte, um die teuren Zeitschriften zu boykottieren.

Akademisches Gütesiegel

Bezüglich der "Journals" gibt es aber eine Hürde. Die Publikation in einer anerkannten Fachzeitschrift, der stets eine aufwändige Begutachtung vorausgeht, gilt als eine Art akademisches Gütesiegel, für das man bei der Verbreitung im Internet erst einen Ersatz finden müsste.

Zugleich ist das elektronische Publizieren nur einer von vielen Schritten auf dem Weg zur digitialen oder gar virtuellen Bibliothek. Der kürzlich aus dem Amt geschiedene Bielefelder Bibliotheksleiter und frühere Direktor der Berliner Staatsbibliothek, Karl Wilhelm Neubauer, sprach jüngst auf einer Fachkonferenz weit reichende Pläne zu einer "Bibliotheksrevolution" an. Auch der nordrhein-westfälische Ministerialrat Friedrich Bode hielt einen Vortrag, der deutlich auf Neubauers Ideen basierte.

Was beide im Schilde führen, ist nichts Geringeres als eine Revolution: Sie wollen, dass die Institution "Bibliothek" an ihren Widersprüchen zu Grunde geht, um Platz zu schaffen für das Neue. Deshalb sollen auch die alten Bibliotheken nicht mit neuen Mitteln subventioniert werden. "Mehr Geld für die Erhöhung des Erwerbsetats", behauptete Bode, verhindere "die notwendigen Strukturveränderungen, denen sich unsere Hochschulbibliotheken stellen müssen."

Der Plan ist einfach. Elektronische Medien sollen auf Dauer die Bücher und digitale Medien die Bibliotheksnetze ersetzen. Der Grundstein zur Umwandlung der Bibliothek in eine Art Informationsbeschaffungszentrale, so Neubauers Version der Geschichte, wurde in Deutschland schon im 19. Jahrhundert gelegt - mit dem Gesamtkatalog der Preußischen Bibliotheken, der die Basis des Fernleihverkehrs wurde. Dieser Gesamtkatalog, so Neubauer, habe bereits eine erste "virtuelle Bibliothek" dargestellt. Denn bei dieser sei es, wie bei der Fernleihe, nicht wichtig, wo die gesuchten Dokumente stehen. Sie sind von überall her zugänglich, und das für jedermann.

Echte Fernleihen sind teuer. Durch die Verschickung, vor allem aber durch die aufwändige Bearbeitung der Leihvorgänge entstehen Kosten: etwa dreißig Euro pro Dokument. Diese Kosten ließen sich umgehen, wenn alle Bestände elektronisch verfügbar wären, so dass der Leser zu Hause sich das Schrifttum lediglich ausdrucken oder in sein E-Book laden müsste.

Überlegt wird weiter, die Bibliotheken aus ihrer Pflicht zur Bereitstellung von Dokumenten gänzlich zu entlassen. Im Extremfall würde der Nutzer die Dokumente dann direkt von den Verlagen erhalten; die Abrechnung erfolgte im Modus "pay per view" über die Bibliotheken oder direkt über den Leser.

Der Vorteil eines solchen Systems liegt auf der Hand: Die Leser könnten so, ganz individuell und ohne Vermittlungsinstanzen, bestimmen, wie die Ressourcen verteilt werden. Andererseits: Was würde Verlage hindern, die Lesegebühren für Bücher, die besonders stark nachgefragt werden, einfach entsprechend zu erhöhen? Für wenig gelesene Titel gälte paradoxerweise das Gleiche. Wenn beispielsweise die vielen teueren Nachschlagewerke von den Bibliotheken erst gar nicht mehr angeschafft würden, sondern die jeweiligen Artikel bei den Verlagen direkt bestellt würden, dann stiege deren Preis ins Unermessliche.

Durch Suchmaschinen ersetzen?

Noch aber gibt es keine E-Books von überzeugender Qualität und zu einem für viele zugänglichen Preis, noch sind nicht einmal alle Bibliothekskataloge digitalisiert - von Büchern ganz zu schweigen.

Auch sonst sind viele Fragen offen: Wer soll die Dokumente, zumal auf lange Zeit, bereithalten, wenn nicht die Bibliotheken? Wie soll die "Informationsgerechtigkeit" gesichert werden, wenn Bibliotheken keine Publikationen mehr anschaffen und entleihen? Und was ist mit den Bibliothekskatalogen: will man sie durch Suchmaschinen wie "Google" ersetzen? Was die Mathematiker betrifft - zumindest die fortgeschrittenen Vertreter des Faches, die ohnehin nicht mehr den Gang zum Regal mit den Lehrbüchern unternehmen - ihnen wird das Mathe-Netz künftig wohl die Bibliothek weithin ersetzen können.

Das neue Netz der Mathematiker:

www.math-net.org


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