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From winter@rz.uni-potsdam.de Wed Apr 17 16:37:13 2002
Subject: Resolution

Der Fakultätsrat der Math.-Nat. Fakultät hat heute folgende Resolution
verabschiedet:

Die gerade noch funktionierende Bibliothek der Universität Potsdam wird
kaputtgespart. Wissenschaftslandschaft Potsdam vor dem Aus?

Der Fakultätsrat der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der
Universität Potsdam wendet sich in großer Sorge an die Verantwortlichen des
Landes Brandenburg und an die Öffentlichkeit:

Seit Gründung der Universität Potsdam im Jahr 1991 wurde eine Bibliothek
aufgebaut, die gerade noch den Mindestanforderungen eines modernen Lehr- und
Forschungsbetriebs genügt. Wie sich jetzt herausstellt, wurden in den
vergangenen Jahren für den laufenden Betrieb im Wesentlichen Mittel
eingesetzt, die eigentlich für den Aufbau der Bibliothek, d.h. für den
Nachkauf fehlender Zeitschriftenjahrgänge und für die Beschaffung eines
ausreichenden Buchbestands, bestimmt waren. Wie dem Land schon seit langem
bekannt sein musste, fallen diese Mittel (50% vom Bund und 50% vom Land
Brandenburg) ab dem kommenden Jahr ersatzlos weg.

Statt sich über die jahrelange Bundesunterstützung des laufenden Betriebs zu
freuen und jetzt endlich eine ausreichende Finanzierung bereitzustellen,
versucht das Land anscheinend ein weiteres Sparmanöver, mit dem die
Universitätsbibliothek als wesentliches Arbeitsmittel von Studierenden und
Forschern abgeschafft werden soll. Nach den bisherigen Finanzierungsdaten
müssten praktisch alle Zeitschriften abbestellt werden, so dass auch der
bisher mögliche elektronische Zugang ersatzlos wegfiele. Stattdessen werden
wir auf die Beschaffung einzelner Artikel zu hohen Kosten, mit erheblichem
Zeitaufwand und mit großen Verzögerungen verwiesen. Damit verliert die
Universität Potsdam in allen Fächern ihre Konkurrenzfähigkeit. Eine gut
ausgestattete und funktionierende Bibliothek bildet den Kern einer
Universität. Wenn dieses wichtige Element in der akademischen Lehre und
Forschung wegfällt, begibt sich die Universität auf das Niveau eines
Entwicklungslandes, mit katastrophalen und langfristig spürbaren
Auswirkungen für alle an der Universität arbeitenden Wissenschaftler sowie
für ihre sämtlichen Absolventen. Schon jetzt ist ein gutes Arbeiten mit der
erforderlichen Fachliteratur, wie man es von anderen Hochschulen im In- und
Ausland gewohnt ist, gar nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt
möglich. Der mühsam erworbene gute Ruf der Universität Potsdam als einer
kleinen, aber sehr leistungsfähigen und einigermaßen vernünftig
ausgestatteten Universität wird somit leichtfertig zerstört.

Wie kann von der Universität verlangt werden, eine leistungsabhängige
Mittelverteilung durchzuführen, die die Publikationstätigkeit wesentlich mit
berücksichtigen muss, wenn die entsprechenden Zeitschriften an der
Universität Potsdam gar nicht mehr vorhanden sein werden? Wie sollen die
Forscher der Universität im kooperativen Wettbewerb mit den Berliner
Hochschulen und mit den zahlreichen hochkarätigen Forschungsinstituten der
Region mithalten, wenn ihnen ein notwendiges Arbeitsmittel weggenommen wird?
Wie soll die Universität Potsdam ohne die bisherige Minimalausstattung ihrer
Fachbibliotheken überhaupt noch gute Studenten und Professoren gewinnen?

Daher fordern wir die verantwortlichen Politiker des Landes Brandenburg mit
Nachdruck auf, ihren Sonntagsreden vom Vorrang der Wissenschaft und
Forschung endlich Taten folgen zu lassen und die mit großem Einsatz
aufgebaute Minimalbibliothek unserer Universität weiterhin im erforderlichen
Maß, d.h. einschließlich der nicht von uns zu vertretenden
Preissteigerungen, zu finanzieren. Es ist sofortiges Handeln erforderlich,
da im Vorgriff auf die Einsparungen des kommenden Jahres bereits jetzt
Zeitschriften abbestellt und jegliche Buchbestellungen verweigert werden.
Die Situation hat sich somit dramatisch zugespitzt. Alle bisherigen
erfolgreichen Anstrengungen bei der Mitwirkung in Sonderforschungsbereichen,
in Forschergruppen sowie in internationalen und nationalen Forschungs- und
Ausbildungsnetzen werden durch die Einsparungen zunichte gemacht. Unsere
Drittmitteleinwerbung und damit auch die wirtschaftliche Grundlage der
Forschung an der Universität Potsdam wird sich durch diese unerwarteten
Sparmaßnahmen in Zukunft drastisch verringern, da es bereits unter den
derzeitigen Umständen sehr schwierig wird, den Förderinstitutionen die
geforderte Versicherung zu geben, dass die infrastrukturellen
Grundvoraussetzungen für ein solides wissenschaftliches Arbeiten
gewährleistet sind.


Potsdam, den 17.04.2002



Prof. Dr. Reimund Gerhard-Multhaupt
Vorsitzender des Fakultätsrates
der Math.-Nat. Fakultät