Nichtlineare Ethik. Qualitative Grundlagen eines empirischen Forschungsprogramms für eine quantitative normative Risikoethik#

H. Rampacher, Gesellschaft für Informatik, Bonn

Seit Aristoteles gilt Ethik als philosophische Disziplin 'auf der Suche nach dem Richtigen und Falschen' (Mackie): Sie sucht bis heute. Viele Soziologen und Philosophen glauben deshalb, es mache keinen Sinn, nach moralischen Normen zu forschen, die objektiv und verbindlich fuer alle festlegen, welche Handlungen richtig und geboten, welche falsch und verboten seien. Mit Hilfe eines neuen ethischen Wissenschaftsprogramms lassen sich endliche Saetze universell anwendbarer 'ethischer Normen' als 'gesellschaftliche Spielregeln' finden, die zum Teil mit moralischen Normen, wie, keine Gewalt zu brauchen oder nicht zu betruegen, zusammenfallen. Zudem ergeben sich neue Normen fuer den 'richtigen' Umgang mit Natur und Technik. Im ethischen Wissenschaftsprogramm gelten Gesellschaften als sich zum Zwecke der Risikominimierung in Raum und Zeit selbst organisierende komplexe Sozialsysteme. Der Zustand jeder Gesellschaft laesst sich durch einen fuer sie charakteristischen endlichen Satz ethischer Risikoparameter und zugehoeriger ethischer Normen beschreiben. Jedem Risikoparameter ist ein ethisches Risiko zugeordnet, das vom Umgang der Menschen untereinander und - heute immer haeufiger - mit Natur sowie Technik abhaengt; jedes ethische Risiko bedroht einzeln das Ueberleben der Gesellschaft. Unterdrueckt man Korrelationen, wird jedes ethische Risiko fuer sich durch Befolgung der zugehoerigen ethischen Norm durch alle minimiert. Jede Norm besitzt einen Rang, welcher der Groesse des zugehoerigen Risikoparameters proportional ist. Die simultane Befolgung aller Normen dieses Satzes, sozusagen der gesellschaflichen Spielregeln, minimiert das Gesamtrisiko der Gesellschaft wie die Lebensrisiken ihrer Menschen linear. Sobald eine einzige ethische Norm nicht befolgt wird, entsteht ein ethischer Konflikt als nichtlinearer Effekt. Dieser aktiviert bisher latente Korrelationen zwischen den in den Konflikt verwickelten ethischen Risiken und zerstoert die optimale Symmetrie der Gesellschaft. Zwar bleiben auch in einem ethischen Konflikt - z. B. der der Notwehr zwischen Menschen und Staaten - laesst nur noch Loesungen zu, die der simultanen linearen Optimierung ethischer Risiken unterlegen sind: Die Minimierung kollektiver Ueberlebensrisiken und individueller Lebensrisiken klaffen auseinander, der soziale Zusammenhalt der Gesellschaft sinkt. Je groesser die Raenge der in Konflikte verwickelten Normen, desto schwerer die Konflikte. Das Prinzip 'Einmischung und Duldung' erlaubt, ethische Konflikte einzudaemmen, indem durch 'minimalinvasive' Eingriffe Verantwortlicher die Befolgung von Normen hoeheren Ranges zu Lasten der Befolgung von Normen niedrigeren Ranges verfolgt wird. Bekannte ethische Begriffe wie Frieden, Gerechtigkeit, soziale Gerechtigkeit oder Vernunft lassen sich durch ihre Abhaengigkeit von ethischen Risiken quantifizieren, sie bilden Mess- und Steuerungsgroesse zur Stabilisierung realer Gesellschaften. Ein Beispiel: Je haeufiger Konflikte zwischen Normen hohen Ranges mit Gewalt 'von oben' oder 'von unten, also durch Verletzung von ethischen Normen hoechsten Ranges, ausgetragen werden, desto ungerechter die Gesellschaft, Gerechtigkeit bestimmt als Ist- oder Soll-Groesse die Stabilitaet von Gesellschaften. Einfache qualitative Beispiele aus Recht, Politik und Wirtschaft veranschaulichen die nichtlineare Ethik. Die Spieltheorie koenne helfen, statische ethische Probleme zu loesen, Methoden der nichtlinearen Dynamik wie der Synergetik sollten Stabilitaetsuntersuchungen von Gesellschaften moeglich machen, die durch mehr oder weniger haeufige ethische Konflikte gestoert sind.