Beucha - Trebsen (Mulde)
Eingleisige Nebenbahn, 16,75 km lang. Im Sommerfahrplan 1997:
Beucha - Trebsen 10 RB täglich, dazu 3 RB an Mo - Fr Beucha - Brandis;
Trebsen - Beucha 9 RB täglich, 1 RB und 1 Bus an Mo - Fr, dazu
2 RB an Mo - Fr Brandis - Beucha.
Zuggarnituren 1997:
Rekonstruierte Leichttriebwagen mit Steuerwagen (BR 772/972),
z. B. 772 010 + 972 610.
Stationen (km):
Bf Beucha (0.0), Hp Beucha Ost (0,8), Bf Brandis (3,1), Hp (ehem. Bf)
Ammelshain (7,9), Bf Altenhain (10,6), Bf Seelingstädt (b Brandis) (13.4),
Bf Trebsen (Mulde) (16,7)
Geschichte [1]
Gebaut wurde die Strecke vor allem für den Transport aus den
Steinbrüchen in der Gegend um Seelingstädt (die in Beucha
waren bis vor einigen Jahren duch Feldbahnen mit dem Bahnhof verbunden).
Der Abschnitt Beucha - Seelingstädt wurde schon am 10. 12. 1898
eröffnet, Personenverkehr zunächst nur bis Brandis, ab
1. 10. 1899 auch bis Seelingstädt. Am 1. 5. 1901 wurde der Hp
Kleinsteinberg, heute Beucha Ost, eröffnet. Im September 1910
begann der Bau der Verlängerung bis Trebsen-Pauschwitz, die
am 1. 10. 1911 in Betrieb ging. 1923 ging in Seelingstädt
ein bahneigener Brunnen zur Wasserversorgung der Dampfloks
in Betrieb. 1936 galt die Strecke als die
ertragreichste in Sachsen! 1938 verkehrten täglich
30 Güter- und 11 Personenzüge. Nach einer Unterbrechung
ab 5. Mai 1945 wurde am 28. 5. 1945 mit täglich 4
Personenzügen zwischen Beucha und Trebsen der Verkehr wieder
aufgenommen. 1947 bis 1949 gab es an den Polenzer Dammwiesen bei Brandis
einen Haltepunkt für die Braunkohlengrube "Frisch Glück",
die in den 50ern eingestellt wurde. 1965 erhielt Seelingstädt
ein Gleisbildstellwerk, 1982 auch Brandis. Im September 1976 wurde in
Ammelshain eine Kiesverladeanlage in Betrieb genommen, die nach Stillegung
der Kiesgrube 1984 wieder demontiert wurde, auch wurde im September 1982
der Bahnhof Ammelshain zum Haltepunkt zurückgebaut.
Als Kuriosität lagen bis etwa 1990 noch Schienen mit der Aufschrift
"Koenig Georg 1895" im 3. Gleis in Beucha Ost (Waldsteinberg), wie
Detlef Theiss aus Leipzig mitteilte.
Personenverkehrsaufkommen:
Merkwürdig ist die Asymmetrie im Fahrplan: In eine Richtung
verkehrten immer mehr Züge als in die andere. Das wurde durch
Zugteilung ausgeglichen - dafür fuhren bis zu 5- und 6-teilige
LVT-Garnituren.
Beispiele aus den Kursbüchern der DR (Dank an Kai-Uwe Thiessenhusen
für's Heraussuchen!):
(t ... tgl., a ... Mo-Fr,
c ... Sa/So)
Sommer 1960:
Ab Beucha:
t, t, t, So, So, Sa, t, a bis Brandis, t, t, t, Sa, a, So, Sa/So + So/Mo
Mo-Sa also nichts 8.39-14.46!
Ab Trebsen:
t, t, t, t, t, So, t, c, a ab Brandis, t, t, t, Sa, So
Winter 1969/70:
11 Zugpaare tägl., dazu Mo - Fr 1 Zug Trebsen - Beucha
und 1 Zug Brandis - Beucha. Letzter Zug 0.02 ab Leipzig!
Zur Zugteilung auf dieser Strecke schrieb mir Jörg Bruchertseifer
(bahn@gmx.de) am 17. 12. 1997:
Subject: nocheinmal: KBS 337
... die Frage mit dem
unsymmetrischen Fahrplan ist relativ einfach zu beantworten.
Der Zug, der gg. 10.00 Uhr vormittags ab Lpz Hbf nach Trebsen
durchfuhr bestand i.d.R. aus einer 5er(!) Ferkeltaxeneinheit.
(Damals eine der wenigen Ferkeltaxenzüge im Leipziger Hbf).
Davon fuhren ab Trebsen nur 2 retour, die restlichen dort abgestellt.
Triebfahrzeuge [1]
Bei Eröffnung der Strecke sä. V T (Cn2t), später
auch sä. III b T (1'Bn2t). Bis in die 30er Jahre sä. IV T
(1'B1'n2t). Nach dem 2. Weltkrieg vor allem BR 38, 65 und 74.
Seit 1969 Dieselloks (V 100). Personenzüge seit den 70er Jahren
vor allem mit Leichttriebwagen (bis Leipzig durchlaufende Züge auch
lokbespannt), Güterzüge mit BR 111,
118 und 132, Rangierloks waren BR 100 (Kö) und 101.
Ab 1982 einige Jahre Einsatz der BR 52 (reko) zwecks Einsparung
von Dieselkraftstoff, die meisten Züge trotzdem mit BR 132.
Nicht nach Neichen - oder doch?
Eine Verlängerung nach Nerchau-Trebsen (Neichen) an der Strecke
Wurzen - Großbothen, wo auch eine Schmalspurbahn nach Mügeln
abzweigte, ist oft diskutiert, aber nicht ausgeführt worden. Eine
solche Verbindung könnte aber trotzdem - wenn auch "inoffiziell" -
bestanden haben, wie folgende Beschreibung der Anlagen in Trebsen von
Kai-Uwe
Thiessenhusen vermuten läßt:
Die Gleise liegen noch ein Stueck weiter nach Osten, hin zu
diversen Fabriken. Die groesste ist eine Papierfabrik.
Wir liefen dran vorbei und ueber die Strassenbruecke ueber
die Mulde. Etwas suedlich ueberspannte eine zweite Bruecke,
die aus der Fabrik kam, den Fluss. Die mussten wir uns mal
ansehen. Sie sah so aus, als waere auf ihr einmal eine
Feldbahn oder so gefahren, die Fundamente der Fahrleitungsmasten
waren noch zu sehen.
Rauf konnte man nicht, sie war gut gesichert, vermutlich dass
niemand in die Fabrik laeuft. Die Bahn schien einmal zum
Bahnhof Neichen gefuehrt haben (ehemals Nerchau--Trebsen
genannt).
Maik Richter schrieb dazu folgendes:
Date: Mon, 29 Dec 1997 17:34:20 +0100
To: jmh@disr01.mpae.gwdg.de
Subject: Bahnstrecke Beucha - Trebsen
From: Richter.Maik@t-online.de (Richter.Maik)
Hallo Jan-Martin,
ich habe vor kurzem Deinen Bericht im Internet gelesen, in dem es um die
Eisenbahnstrecke Beucha - Trebsen geht. Es wird die Frage aufgeworfen, ob eine
Verbindung über die Mulde zur Strecke Wurzen - Grimma (unterer Bahnhof)
irgendwann existiert hat. Die geschilderte Variante, von der Papierfabrik
Trebsen aus, halte ich ebenfalls für unwahrscheinlich, da es sich um eine
Fussgaengerbruecke handelt. Zutreffender halte ich folgende Moeglichkeit: Vom
Bahnhof Trebsen aus zweigt ein Anschlussgleis nach Sueden ab, führt an der
Klaeranlage vorbei und endet erst unmittelbar am Muldeufer. Reste einer
Befestigung ( von einer Bruecke?) sind noch zu sehen. Auf der anderen
Muldenseite, zwischen Neichen und Nerchau, zweigt ein Bahndamm ab (noch
stueckweise erhalten). Der Verlauf der Abzweigung zeigt genau auf das
beschriebene Anschlussgleis am anderen Ufer. An der Abzweigung steht noch ein
zerfallenes Bahnhaeuschen. ...
Dieser Beschreibung nach könnte es sich dabei um Gleise handeln,
die im Fall einer Zerstörung der Muldebrücke in Wurzen
als Umleitungsstrecke dienen sollten, nachdem der Flußübergang
mittels beweglicher (Ponton-?)Brückenteile hergestellt worden wäre.
Solche Anlagen sind auch an Elbe und Oder vorhanden (gewesen).
Aus e-mail-Mitteilungen von Detlef Theiss (theiss@mail.tropos.de) sei
hier folgendes zusammengefaßt:
- Von 1965 bis 1970 benutzte er als Student regelmäß die
Bahn zwischen Trebsen und Leipzig, und es war ihm nie langweilig
dabei!
- Die Zellstoff- und Papierfabrik Trebsen (vormals Wiede &
Söhne) war vor der Errichtung der
Werke in Schwedt größter Zellstoffhersteller der DDR und
hatte bis in die 70er Jahre eine eigene schmalspurige Werkbahn mit
Anschluß nach Neichen.
Diese stammte noch aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg, als die
Strecke von Beucha noch nicht existierte. Sie war nicht
elektrifiziert, da noch vor Siemens' Erfindung gegründet.
Versand von Papier und Zellstoff erfolgte damals
über die schon lange vorher gebaute Muldentalbahn Wurzen -
Grimma unterer Bf - Großbothen - Glauchau).
Wenigstens Festschriften der Fa. Wiede & Söhne
(u.a. mit Fotos der alten Werkbahn) sind im Industriearchiv (e.V.)
in der Leipziger Theresienstr. zugänglich.
- Die Brücke diente ursprünglich nur der Feldbahn und
wurde später durch Einlegen von (losen) Holzbohlen zwischen den
Schienen zur Fußgängerbrücke erweitert, war aber nur
Personenzugang zur Fabrik (die über 1000 Leute
beschäftigte) für Arbeiter aus Neichen, Nerchau und
Dörfern östlich der Mulde (erst in den 80ern wurde
ein Buswerksverkehr aufgebaut). Auf dem Westufer gab es einen
Pförtner.
- Die Mastfundamente gehörten zu Laternen, die auf Neichener
Seite bis in die 60er Jahre hingen (an Bögen quer über
die Fahrbahn).
- Nach Eröffnung der Strecke Beucha - Trebsen ging der
Feldbahnverkehr nach Neichen zurück.
- Nach 1945 wurde der Anschluß nach Neichen kaum noch gebraucht.
Die Muldentalbahn war unterbrochen, da die Brücke bei Grimma
demontiert war. Das endgültige Aus kam mit dem Hochwasser 1954
und die dadurch erforderliche Notsprengung eines Brueckenteils
(damit nicht die ganze Bruecke durch angeschwemmtes Material
zerstört würde).
- Innerbetrieblich wurde der Feldbahnverkehr in zunehmend geringerem
Maße bis mindestens Mitte der 60er fortgeführt.
- Die "Fabrikbrücke" war zwar für Pauschwitz der
nächste Muldenübergang zur Ortsmitte von Trebsen (nördlich:
Straßenbrücke Trebsen; südlich: Fähre Wednig),
konnte aber nicht offiziell überquert werden, u.a. wegen
Unfallgefahr durch die losen Bohlen. Jedoch sollen
amerikanische Truppen auf dem Rückweg vom Treffen in Torgau
diese Brücke benutzt haben.
- Die "Fabrikbrücke" ist beim Hochwasser im August 2002
zerstört worden, auch die Werkstätten der ehemaligen
Zellstoff- und Papierfabrik (Bergelager historischer Baumaterialien)
sind in Mitleidenschaft gezogen.
Näheres
dazu in einem Bericht von Detlef Theiss.
Die Strecke im September 1997
Die großzügig angelegten Bahnhöfe, besonders Brandis
und Seelingstädt, zeichnen sich durch langgestreckte Gleisanlagen
aus. Auch andere Betriebe neben den Steinbrüchen sorg(t)en
für Güterverkehrsaufkommen (siehe Liste der Anschlüsse).
Im Personenverkehr ist besonders der Berufsverkehr von
und nach Leipzig wichtig, aber auch Ausflugsverkehr, vor allem nach
Trebsen, Brandis und Altenhain, findet statt.
Unverständlich bleibt angesichts der offensichtlichen Nachfrage,
warum die Landesverkehrsgesellschaft
Sachsen ab Ende September 1997 keine Reisezugleistungen zwischen Brandis
und Trebsen mehr bestellen will, denn der Bedarf dafür ist
vorhanden. Beschwerden darüber sind nur zu berechtigt. Auch das
Bahnpersonal setzt sich für "seine" Strecke ein.
Der Streckenzustand ist gut, die LVT-Garnituren fahren mit 50 km/h,
nur auf dem kurvenreichen Abschnitt an den Teichen vor Trebsen
(km 15.2 bis 16.1) wird auf 40 km/h abgebremst - und natürlich
vor etlichen Wegübergängen. Der am ehemaligen Bf
Ammelshain muss sogar durch den Zugführer gesichert werden!
Das ist im Computerzeitalter freilich peinlich ...
Der Übergang in Trebsen ist jedoch erst vor kurzem erneuert worden.
Einige Gütergleise sind den Unterwegsbahnhöfen in letzter Zeit
freilich verlorengegangen.
Ende September 1997 wurde allen Protesten zum Trotz der
Schienenpersonenverkehr Brandis - Trebsen eingestellt.
Güterzüge verkehren weiterhin. Im Winter 1999/2000
fertigt z. B. das Getreidelager in Trebsen bis Anfang Februar
beinahe täglich ca. 1000-Tonnen-Ganzzüge ab, die
mit Loks der BR 232 Richtung Polen gefahren werden (Nachricht von
Thomas Nitsch in de.etc.bahn.eisenbahn).
Anschlüsse (Stand 1997):
bei Brandis (km 2.7) zu einem Düngemittellager
östlich von Brandis zum Silikatwerk (stillgelegt)
bei Ammelshain (km 7.5) zu einem Holzlagerplatz (heute MOCO)
von Altenhain nach NO
von Seelingstädt zum Hengstbergsteinbruch (stillgelegt und abgebaut)
Steinbruch und Schotterwerk (km 14.8)
Getreide AG (km 15.2)
Papierfabrik (Bf Trebsen)
Quellen
[1] Nebenbahn - einmal anders. Eine Dokumentation zum
75jährigen Bestehen der Nebenbahn Beucha - Trebsen/Mulde.
Autoren: Volker Wönckhaus, Siegfrid Hülle.
Deutsche Reichsbahn, Reichsbahnamt Leipzig; Deutscher Modelleisenbahn-Verband
der DDR, Bezirksvorstand Halle/Saale 1986.
Dank an Kai-Uwe Thiessenhusen für seinen Bericht und die Angaben
zum Personenverkehrsaufkommen sowie an Maik Richter und D. Theiss für
die ergänzenden Mitteilungen.
Streckenberichte
Jan-Martin Hertzsch
Stand: 14. 10. 2002