From: kaefer@aglaia.aball.de (Thorsten Meinecke) Newsgroups: de.alt.eisenbahn Subject: Hohenwutzen--Osinow Dl. (was: Eisenbahngrenzuebergaenge) Date: 16 Dec 1996 23:53:30 +0100 > schreibt: >> 7 Rosow - Szczecin 2 5 >> 8 Neu Rudnitz - Siekierki -- -- ausser Betrieb, Dazwischen liegt Hohenwutzen - Niederwutzen (jetzt Osinow Dolny), abgebaut. Ursprünglich Teil der Strecke Bad Freienwalde--Zehden (jetzt Cedynia), vermutlich bereits durch Kriegshandlungen unterbrochen, daher kein späterer Grenzübergang, so kreuzen sich hier doch eine Staatsgrenze und die Spuren lokaler Eisenbahngeschichte. Gestern, vor meinem Sonntagsspaziergang, wußte ich noch nichts von dieser Strecke. Eigentlich wollte ich mir den Zustand der ex-KBS 206.61 Bad Freienwalde--Angermünde anschauen (wann genau wurde diese überhaupt eingestellt? Vor der Wende KBS 922, dann 93-94 noch KBS 295, jedenfalls bestand 1995 die Tabelle 206.61 nur noch aus dem Vermerk "Reiseverkehr eingestellt"). Anreise von Bernau mit RE, in dem 2 Wagen Bom 280.1 mitliefen. Umstei- gen in Eberswalde, in die "beschleunigte" RB nach Frankfurt(O) (hält nicht in Altranft :-). In Bad Freienwalde [Oder] befinden sich un- mittelbar sich an der Westausfahrt Gebäude für einen Schrankenposten und zwei Stellwerke, nur eins der letzteren ist noch besetzt. Auf der Ostseite gibt's (wohl eher: gab's) noch'n Stw. Etwa bis zum Freienwalder Klärwerk, einige hundert Meter in der Kurve der Angermünder Strecke nach Norden, finden sich blanke Gleise. Bis dort waren früher Rangierfahrten erlaubt (weiße Tafel), bis dahin fin- den sie wohl immer noch statt, jetzt steht dort die rote Tafel (um genau zu sein: sie liegt stattdessen. Umgefahren?). Auf einem Neben- gleis der Kurve steht ein A-gepinselter Güterwagen Saap, max. 100 t, zwei Drehgestelle mit drei Achsen. Hinterm Klärwerk sieht das Gleis vollständig verrottet aus. Ein wenig Geografie der Gegend: dem Eberswalder Urstromtal in Ost-West- Richtung folgt die Bahn nach Eberswalde. Nördlich davon erstreckt sich der pommersche Endmoränenrücken, einen Teil davon bildet die von einem Altarm der Oder umflossene "Insel" Neuenhagen. Während das Odertal nur wenige Meter über Meeresniveau liegt und völlig eben ist, erreichen die eiszeitlichen Hügellandschaften drumherum Höhen von über 100 m. Ihnen ist die Entstehung zahlreicher Tonlagerstätten zu verdanken, die seit 1871 ausgebeutet wurden und Rohstoff zahlreicher Ziegeleien waren. Die Strecke Bad Freienwalde--Angermünde umfährt die Neuenhagener Insel westlich in einer weiten Kurve. Die Strecke Bad Freienwalde--Zehden jedoch zweigt gleich hinter der Brücke über die Alte Oder ab, sie führt erst über einen ansteigenden Damm, dann durch Einschnitte um einen 90-m-Berg herum, auf die Ortschaft Neuenhagen zu. Diese Brücke mag früher ebenso zweigleisig gewesen sein wie der Abschnitt bis Freienwalde. Auf den ersten hundert Metern des Dammes liegen noch Holzschwellen. Die Einschnitte durch die Hügelkette wurden zur Baustoffgewinnung benutzt und durch Abbau erweitert. Vom Hp Schiffmühle (?) existiert noch eine Bahnsteigkante. Dann führt die Strecke an alten Tongruben vorbei, jetzt Naturschutzgebiet, an einem alten Ringofen, ein historisches Baudenkmal. Der ehem. Bahnhof "Neuenhagen Kreis Bad Freienwalde (Oder)", so steht's noch am ehem. Güterschuppen, ist jetzt ein frisch verputztes Wohnhaus. Dahinter befindet sich auf der alten Trasse die Zufahrt zur "Siedlungs- abfalldeponie Neuenhagen". Oh, oh. Genau: Es stellt sich heraus, dank einer Ausstellung auf dem Gelände der Altglietzener Ziegelei, vormals VEB Ziegel-/Dränrohrwerk Bad Freien- walde BT Altglietzen, oder so ähnlich, daß 1956 die Tongrube Neuenhagen aufgeschlossen wurde. Die Bahnstrecke wurde dadurch endgültig unter- brochen; sie mag schon vorher stillgelegt gewesen sein -- oder wenig- stens noch bis Hohenwutzen betrieben. Für den Betrieb einer 600-mm- Feldbahn zwischen Grube und Ziegelwerk war das noch liegende Gleis brauchbar, die eine Schiene wurde gelöst und um 835 mm versetzt wieder befestigt. Das Ergebnis läßt sich heute noch in Resten besichtigen! (Dabei könnte es sich auch um asymmetrisch auf den alten Schwellen mon- tierte Schienen mit Feldbahnprofil handeln, wenn es denn sowas gibt). Weiter zum "Bahnhof" Alt Glietzen (alte Schreibweise), der hat die Größe einer Doppelgarage, wie diese zwei Türen, und wird wie eine solche ge- nutzt: Als Lager für allerlei Gerümpel. Gleich daneben auf dem ehem. Bahnsteig hat die Kolchose eine (Kraft-)Fahrzeugwaage errichtet. Die Spur der Trasse verliert sich am Rande des Parkplatzes von Hohen- wutzen, es gibt nur einen, der dafür recht groß ist, denn Menschenmassen wollen selbst an einem verregneten Dezembertag mal so richtig günstig einkaufen gehen. Ein freistehendes Gebäude läßt sich durch seine Lage als ehemaliger Bahnhof Hohenwutzen identifizieren, an seinem Äußeren deutet darauf nichts hin. Wartezeit bei Ein- und Ausreise ca. 15 min, Übergang nur für Fußgänger. Die Brücke wird derzeit saniert. Sie müßte (ganz früher) mal eine kombinierte Straßen- und Eisenbahnbrücke gewesen sein. Zu Füßen einer geisterhaften Industrieruine in Osinow Dolny hat sich in leerstehenden Werkshallen ein Kaufhaus angesiedelt, und der Bazar (gün- stige Einkaufsgelegenheit). An der Ostseite des Marktgeländes liegt ein Kiefernwäldchen, eine seltsame Spur führt da hinein, mit eigenartigen, regelmäßigen Querrillen, die alte Bahnstrecke Bad Freienwalde--Zehden, dort liegen rechtwinklig zur Trasse Betonplatten, eine Bahnsteigkante, hier war der Hp Niederwutzen... --Thorsten