From: pro@informatik.htwk-leipzig.de (Uwe Metzner) Newsgroups: de.alt.eisenbahn Subject: Nauendorf - Löbejün - Gerlebogker Eisenbahn... Date: 22 May 1997 20:19:02 GMT Organization: HTWK Leipzig Lines: 117 In der vergangenen Woche hat es mich in die Gegend um Könnern/Löbejün verschlagen. Da ich ein wenig Zeit übrig hatte, habe ich mich mal vor Ort nach den Resten verschiedener Nebenstrecken umgesehen. Erster "Anlaufpunkt" war der Bf. Löbejün - oder vielmehr das, was von ihm noch übrig ist: 181d Gerlebogk -- Nauendorf (1941, nach der vorher gültigen Numerierung 156c) "Nauendorf-Gerlebogker Eisenbahn" 0,0 Gerlebogk 181c 4,4 Gröbzig 13,2 Löbejün Bf. 16,5 Nauendorf (Saalkr) 204 Die Strecke - 1941 mit einem einzigen Zugpaar nur an "w" und nur zwischen Nauendorf und Löbejün - zweigt im Bf. Nauendorf von der Strecke Halle - Aschersleben - Wegeleben (- Halberstadt-Wasserleben-Vienenburg...) ab und hatte an ihrem anderen "Ende" Anschluß zur Staatsbahnstrecke Biendorf (zwischen Köthen und Bernburg) - Gerlebogk (7,1 km, 1941 "Personen- zugverkehr vorläufig eingestellt", 1939 zwei Zugpaare). In einer weiten Schleife geht es in nordwestlicher Richtung zunächst nach Löbejün - wer mit dem Fahrrad die in direkter Linie verlaufende Straße fährt, wird den Grund für diese Methode der Höhengewinnung schnell gefunden haben. Löbejün selbst ist ein verträumtes kleines Städtchen an einem Ausläufer des Petersbergs, das vor allem von der Landwirtschaft und den umliegenden Steinbrüchen lebt. Vor allem in letzteren ist wohl auch der Anlaß sowohl für den Bahnbau als auch für das relativ lange Überleben der Strecke zu suchen: von Halle aus gesehen, liegt der Ort praktisch "hinter dem Berg", so daß die in westlicher bzw. nordwestlicher Richtung nach Halberstadt und Magdeburg verlaufenden Hauptbahnen die Stadt nahezu zwangsläufig umgingen. Der Löbejüner Bahnhof liegt etwas am Stadtrand unmittelbar an der Straße nach Domnitz. Als Spitzkehre angelegt, dürfte er - nicht nur aus topo- graphischen Gründen, sondern auch wegen des hier konzentrierten Ladungs- aufkommens den betrieblichen Mittelpunkt der Strecke gebildet haben. Ein "Mini-BW" in Gestalt eines zweiständigen Lokschuppens zeugt davon, ebenso die immerhin 4 Gleise - dazu sind noch die Reste einer Ladestraße zu erkennen. Die aus dem Bahnsteiggleis abzweigende Weiche liegt noch, führt aber ins Leere. Die Gleise selbst machen einen Eindruck, als läge die letzte Zugfahrt schon einige Monate zurück; auf mehr als 2 Jahre würde ich jedoch nicht tippen, vergleicht man den allgemeinen Zustand etwa mit dem des Abschnitts Uckro NLBf - Luckau. Die Weichen - darunter eine doppelte Kreuzungsweiche - liegen auf Stahlschwellen, die ihre eigene Geschichte erzählen: "Bochum 1934" ist da zu lesen, "Thyssen 1939" und "Krupp 1935". Im Gleis selbst liegen Betonschwellen aus der DDR-Ära ("79"), deren Spuren auch an verschiedenen Hochbauten zu erkennen sind. An einer Mauer ist noch der Text Durch den Fünfjahresplan in eine bessere Zukunft V E B zu entziffern. Den Lokschuppen - schon deutlich länger als die anderen Anlagen nicht mehr benutzt, ist hier keine einzige Scheibe mehr ganz; die Tore stehen offen, und für die Seilzüge des zum in einem turmähnlichen Aufbau unter- gebrachten Wasserbehälter gehörigen Standanzeigers scheint sich auch schon ein Interessent gefunden zu haben - ziert an der Seitenwand der Text "mit Volldampf voraus". Unmittelbar darunter - oder eigentlich daneben - steht im Gebüsch, das über das schon länger stillgelegte weiterführende Strecken- gleis Richtung Gerlebogk wuchert, die obligatorische Haltscheibe samt Schwellenkreuz. Die Ausfahrtweiche selbst ist immerhin noch vorhanden, aber mit einer Art Schraubzwinge in Richtung Nauendorf "festgelegt". Die Sonne strahlt, und das Bild erinnert mit seinem ganz eigenen makaber-morbiden Reiz ein wenig an eine der Persiflage-Postkarten, die es vor einiger Zeit hier zu kaufen gab und die das Motto eines älteren DB-Werbeplakats aufgriff: zum Titel "manchmal sieht man vor lauter Bäumen die Bahn nicht" ist ein ent- sprechend zugewachsenes Gleis zu sehen. Am anderen Ende des Bahnhofsgeländes steht das ehemalige Empfangsgebäude, wohl schon seit Jahren als Wohnhaus benutzt. Eines der Gleise führt - als Anschluß- oder Rangiergleis - noch weiter, bildet eine weitere Spitzkehre und führt dann quer über die Straße zur einer der auf der anderen Seite noch in Resten erkenn- baren ehemaligen Verladestellen des ortsansässigen Steinbruchbetriebes. Während die Strecke zwischen Nauendorf und Löbejün noch befahrbar sein dürfte, sind die Gleise zwischen Löbejün und Gerlebogk auf weiten Abschnitten bereits aus der Landschaft verschwunden. Bereits an der Straße Löbejün - Hohenedlau liegen keine Schienen mehr, und auch vom ehemaligen Anschlußgleis Gottgau - Plötz sind in der Landschaft nur noch Fragmente auszumachen. _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ In Könnern, dem eigentlichen Ziel, auch noch ein kurzer Blick auf die Bahn- anlagen: Das Gleis der Srecke nach Rothenburg (ex 204h, 5,4 km) macht einen regelmäßig befahrenen Eindruck. An der Strecke nach Bernburg -- Calbe befindet sich einige km nördlich Könnern der Neubau der Zuckerfabrik, deren Verschiebe- betrieb durch den Zaun hindurch zu beobachten ist. Leider ist das verwendete TfZ nicht zu identifizieren. Immerhin dürfte die Strecke durch die Anschlußbahn wenigstens im Gv eine Perspektive haben. Für einen weiteren Abstecher zur ehemaligen KBS 183g Bebitz -- Alsleben (8,4 km, mit eigener Saalebrücke in Alsleben) reichte leider die Zeit nicht mehr. An dieser Stelle nur noch eine Erinnerung an eine Episode aus der Gegend, die sich etwa 1991 ereignete: Unterwegs mit dem Auto auf der B71 zwischen Könnern und Bernburg. Am BÜ der Strecke Könnern -- Bernburg steht ein Ganzzug aus den damals noch allgegenwärtigen Kohlewagen (Fals ?). Die Halbschranke ist - logischerweise - geschlossen. Die 232 steht mit offenen Türen und im Leerlauf tuckerndem Diesel mit der Nase fast auf der Straße, der Tf selbst ist auf dem Bü damit beschäftigt, die Autos abwechselnd durch- zuwinken. Irgendwie schien es da ein größeres Problem gegeben zu haben. Gruß ____________________________________________________________________________ | | "Where is Kansas?" asked the man, with surprise. Uwe `.pro' Metzner | "I don't know," replied Dorothy sorrowfully, Wiedebachstr. 16 | "but it is my home, and I'm sure it's somewhere." 04277 Leipzig | | (Frank L. Baum, The Wizard of Oz) ____________________________________________________________________________